„Liturgie ist Spiel vor Gott“, formulierte Romano Guardini. Sie ist ein Gesamtkunstwerk, in dem Ton und Wort eins werden. Eine Allianz, die den höchsten seelischen
Ausdrücken und Vorgängen gerecht wird. Je enger Ton und Wort mit der Liturgie verbunden sind, desto heiliger werden sie, desto mehr wird das Spiel vor Gott „Heiliges Spiel“.
Die Orgel gehört seit über 700 Jahren zur
musikalisch-liturgischen Praxis, zum „Heiligen Spiel“, der Kirche. In der Liturgie ist sie ein musikalischer Konzelebrant. Sie kann das Wort Gottes hör- und erlebbar machen und gleich einer Predigt immer wieder neu
interpretieren. Im Zweiten Vatikanischen Konzil wurde sie als bevorzugtes Instrument der Liturgie erneut bestätigt: „…ihr Klang vermag den Glanz der kirchlichen Zeremonien wunderbar zu steigern und die Herzen mächtig zu
Gott und zum Himmel emporzuheben.“ (II. Vat., Sacrosanctum Concilium Nr. 11). Ich hoffe, dass unsere Orgel vielen Menschen hilft, im Gebet und in der Liturgie Gott zu finden und ihm näher zu kommen. Ihre Klangpracht
lässt uns etwas von der Größe und Allmacht Gottes erahnen, ihre mystischen Klänge etwas von seinem undurchdringlichen Geheimnis.
Gegen alle Sparmaßnahmen setzen wir mit der Renovierung der St.-Andreas-Orgel eine
eindrucksvolle Priorität: dem Lobe Gottes ist nichts vorzuziehen. All die schönen, kostbaren Dinge in unseren Kirchen und Gottesdiensten gewinnen ihre Rechtfertigung nicht zuletzt aus der Rechtfertigung des Tuns der
Maria bei der Salbung Jesu in Bethanien. Maria nahm ein Pfund kostbarster Salbe und salbte Jesu die Füße. Sie handelt aus überströmender Liebe und rechnet nicht. Judas kritisiert Maria. Er will die Salbe verkaufen und
den Erlös den Armen geben. Er fragt: Was kommt dabei heraus? Er rechnet. Christus gibt nicht dem nützlichkeitsdenkenden Judas recht, sondern der verschwenderischen Maria. Christlich ist immer ein Handeln aus
überfließender Liebe, die darum auch vermeintlich „Überflüssiges“ tut und zwar nicht nur für den Nächsten, sondern auch und gerade für Gott. Die Frage: Muss das denn sein? Ist das denn nötig? darf das gottesdienstliche
Tun unserer Kirche niemals bestimmen. Noch weniger die Frage: Was kommt dabei heraus? Was erreichen wir bei den Menschen damit? Dies wäre nicht besser als die Frage, was wir mit unseren Gottesdiensten bei Gott
„bewirken“ wollen.
Gerade heute, in einer Zeit abnehmender Kirchenbesucherzahlen und großer Not in der Welt, müssen wir Christen singen. Wir Menschen singen gerne, wenn es uns gut geht. Christen und gläubige Menschen
singen aber auch in der Not. Die drei Jünglinge im Feuerofen singen angesichts des Todes ein Loblied auf den Herrn, die Dichterin Gertrud von Le Fort lässt Ordensfrauen, die in der Revolution das Schafott besteigen
müssen, das „Veni Creator“ singen und von Pater Maximilian Kolbe wird berichtet, dass er im Hungerbunker sterbend immer wieder sang. Unsere Musik drückt aus, dass wir in der Welt des Hungers und der Not stehen und wir
aber zugleich diese Welt schon überwunden haben in der Auferstehung.
Mit der Renovierung der St.-Andreas-Orgel setzen wir ein Zeichen des Glaubens, nach außen wie nach innen: die Kunde vom lebendigen Gott - mitten
unter uns. Wenn wir ihn in der Musik erfahren, so können wir auch beherzigen, was der hl. Don Bosco seinen Freunden ins Stammbuch geschrieben hat:
„Halte dich an Gott. Mach es wie ein Vogel, der nicht aufhört zu singen, auch wenn der Ast, auf dem er sitzt, bricht, denn er weiß, dass er Flügel hat.“
Mit herzlichen Grüßen, Ihr GdG-Kantor, Henning Dembski